Der Wind kommt ohne Vorwarnung, beladen mit Salzwasser und etwas Antikem, etwas, das nach reinem Arktis riecht. Auf der kleinen Insel Vardøya, im äußersten Nordosten Norwegens, erhebt sich der Leuchtturm von Vardø wie ein fester Punkt in einer Landschaft, die zu existieren scheint jenseits der Grenzen der bekannten Welt. Wir sind jenseits des 70. Breitengrades nördlicher Breite, weiter östlich als Istanbul, weiter östlich als viele Städte der Türkei — ein geografisches Detail, das weiterhin überrascht, wer eine Karte aufmerksam studiert.
Dieser Leuchtturm ist keine Attraktion, die für Touristen gebaut wurde: Er ist ein echter, operativer Posten, der seit Generationen den Fischern und Frachtschiffen, die die Barentssee befahren, den Kurs weist. Seine Lage — an der östlichsten Spitze des kontinentalen Norwegens — macht ihn zu einem der abgelegensten und geografisch extremsten Leuchttürme des gesamten skandinavischen Landes. Es erfordert Mühe, ihn zu erreichen, aber wer es tut, bringt etwas mit nach Hause, das schwer zu beschreiben und unmöglich zu vergessen ist.
Die Geschichte des Leuchtturms und der Stadt Vardø
Vardø ist eine der ältesten Städte im nördlichen Norwegen, mit einer Geschichte von Siedlungen, die bis ins Mittelalter zurückreicht, und einer Festung — der Vardøhus Festning — die im 14. Jahrhundert erbaut wurde und noch heute als die nördlichste Festung der Welt gilt. Der Leuchtturm fügt sich in diesen historischen Kontext als Teil eines maritimen Signalsystems ein, das Norwegen im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts entlang seiner arktischen Küsten entwickelt hat. Die aktuelle Struktur besteht aus Stein und Metall, mit einem weißen Turm, der über die flache Landschaft der Insel ragt und sowohl vom Meer als auch vom Festland aus von weitem sichtbar ist.
Die Stadt Vardø ist durch den Vardøtunnelen mit dem Festland verbunden, einem 1982 eröffneten Unterwassertunnel, der etwa 2,9 Kilometer lang ist und unter dem Meeresarm verläuft, der die Insel vom Rest der Halbinsel Varanger trennt. Vor dem Tunnel war der einzige Weg, um die Insel zu erreichen, mit der Fähre — ein Detail, das hilft zu verstehen, wie isoliert diese Gemeinschaft über Jahrhunderte war.
Was man sieht und erlebt, wenn man zum Leuchtturm kommt
Der Leuchtturm von Vardø ist kein Museum mit Eintrittskarten und festen Öffnungszeiten: Es ist ein lebendiger Ort, der von der norwegischen Seefahrtsbehörde verwaltet wird, und der Zugang zum Inneren des Gebäudes kann eingeschränkt oder saisonalen Schwankungen unterworfen sein. Was jedoch immer zugänglich ist, ist die Landschaft rundherum: die felsige Küste, das offene Meer nach Osten — wo es bis Russland kein Land mehr gibt — und eine Stille, die im Sommer nur vom Wind und den Kolonien von Seevögeln unterbrochen wird.
Im Sommer, zwischen Ende Mai und Ende Juli, geht die Sonne niemals vollständig unter. Die Mitternachtssonne in Vardø ist kein abstraktes Erlebnis: Es ist ein gelbes, schräges Licht, das das Meer um zwei Uhr nachts orange färbt, während der Leuchtturm weiterhin seine unveränderte Arbeit verrichtet. Im Winter hingegen kehrt sich die Situation völlig um: Die Polarnacht dauert Wochen, polar Stürme treffen die Insel mit Böen, die 30 Meter pro Sekunde überschreiten können, und die Einsamkeit wird fast physisch, greifbar.
Wie man ankommt und praktische Tipps für den Besuch
Vardø ist mit dem Flugzeug vom Flughafen Vardø (VAW) erreichbar, mit Flügen, die von Tromsø oder anderen norwegischen Drehkreuzen über die Fluggesellschaft Widerøe abfliegen, die viele regionale Routen im norwegischen Arktis abdeckt. Alternativ können Reisende mit dem Auto die E75 bis Vadsø fahren und dann weiter nach Osten durch den Unterwassertunnel fahren. Die Autofahrt von Tromsø dauert etwa sechs Stunden und führt durch die Landschaften der Finnmark, die allein die Reise wert sind.
Der beste Zeitpunkt für einen Besuch hängt davon ab, wonach man sucht. Wer die Mitternachtssonne erleben möchte, sollte die Reise zwischen Ende Mai und Ende Juli planen. Wer hingegen von der Wintererfahrung angezogen wird — dem Polarlicht, den Stürmen, der Polarnacht — muss mit Temperaturen rechnen, die weit unter null Grad fallen, und mit unvorhersehbaren Wetterbedingungen. In beiden Fällen ist es wichtig, sich in Schichten mit wasserdichter technischer Kleidung zu kleiden: Der Wind auf der Insel ist unerbittlich. In Vardø gibt es keine großen Unterkünfte, daher ist es ratsam, im Voraus die wenigen verfügbaren Bed and Breakfasts in der Stadt zu buchen.
Warum sich die Reise bis in den äußersten Nordosten lohnt
Vardø und sein Leuchtturm bieten keinen Komfort oder Unterhaltung im herkömmlichen Sinne. Sie bieten etwas Rarer: das greifbare Gefühl, sich an einer Grenze zu befinden — geografisch, klimatisch, menschlich. Der Leuchtturm blinkt jede Nacht, wie er es seit Jahrzehnten tut, indifferent gegenüber den Jahreszeiten und den Besuchern. Dort zu stehen, am Rand Europas, mit der Barentssee vor sich und Russland jenseits des Horizonts, ist eine Erfahrung, die alles andere still und endgültig relativiert.