
Der erste Bissen sagt alles

Woher kommt der Strudel eigentlich?
Die offizielle Geschichte des Apfelstrudels führt nach Wien. Oder nach Budapest. Oder, je nach politischer Stimmung des Gesprächspartners, gleich in die gesamte ehemalige k.u.k. Monarchie. Das stimmt, aber es vereinfacht. Die ältesten nachweisbaren Strudelrezepte stammen aus dem 17. Jahrhundert. Das früheste bekannte handgeschriebene Rezept liegt im Wiener Stadt- und Landesarchiv und datiert auf das Jahr 1696 — das ist gut dokumentiert, auch wenn man die genaue Küche, in der es entstanden ist, nicht mehr rekonstruieren kann. Was man weiß: Der Strudel hat osmanische Vorfahren. Der dünne, gezogene Teig, der sogenannte Strudelteig, ist ein Verwandter des türkischen Yufka- und des griechischen Phyllo-Teigs. Die Osmanen brachten diese Technik mit, die Habsburger machten daraus ein Nationalgericht. Naja, zumindest Österreich hat es zum Nationalgericht erklärt. Deutschland hat das offiziell nie getan. Und trotzdem — oder vielleicht genau deshalb — findet man ihn überall.Die Kunst des ausgezogenen Teigs

Leipzig und die Kaffeehauskultur: eine unterschätzte Verbindung
Leipzig hatte einmal eine lebhafte Kaffeehauskultur. Das vergisst man leicht, wenn man durch die modernisierten Einkaufspassagen läuft. Aber die Stadt war im 18. und 19. Jahrhundert ein Handelszentrum, und mit dem Handel kamen Kaffeehäuser, und mit den Kaffeehäusern kamen Mehlspeisen. Die geografische Lage hilft dabei. Leipzig liegt — wenn auch nicht an der Donau — kulturell irgendwo zwischen dem sächsischen Norden und dem böhmisch-österreichischen Süden. Die Verbindungen nach Prag, nach Wien, nach Breslau waren real, handelstechnisch und kulturell. Und der Strudel ist eine dieser kulinarischen Grenzgängerinnen, die man schwer einer einzigen Region zuordnen kann. Heute gibt es in Leipzig eine Handvoll Adressen, die Apfelstrudel wirklich ernst nehmen. Ich sage "Handvoll", weil ich nicht übertreiben will. Es sind nicht viele. Aber es sind genug. In der Nähe des Klara-Zetkin-Parks und im Kaffeehausviertel rund um die Mädler-Passage findet man immer noch Stücke zum Preis zwischen €3,20 und €4,80, je nach Größe und ob Sahne oder Vanillesauce dabei ist. (Die Vanillesauce ist die bessere Wahl. Das ist meine persönliche Meinung und ich stehe dazu.)Wenig bekannte Details, die ich interessant finde

Apfelstrudel heute: Massenware und Handwerk
Es wäre unehrlich, so zu tun, als ob alle Apfelstrudel in Leipzig handwerklich zubereitet werden. Der Großteil kommt tiefgekühlt, wird aufgewärmt, auf Teller gelegt, mit Puderzucker aus der Packung bestäubt. Das schmeckt nicht schlecht — aber es schmeckt auch nicht nach dem, was dieser Strudel sein könnte. Schade dass man das oft erst merkt, wenn man einen wirklich guten gegessen hat. Dann schmeckt der aufgewärmte Blätterteig-Kompromiss auf einmal nach Enttäuschung. Aber es gibt sie noch, die Ausnahmen. Und Leipzig hat gegenüber Wien oder Budapest einen anderen Vorteil: Die Erwartungen sind niedriger. Niemand kommt nach Leipzig und denkt: Hier wird der beste Strudel der Welt sein. Das bedeutet, wer ihn gut macht, wird umso mehr belohnt. Der Überraschungseffekt ist real. Apropos Überraschungen: In einigen Restaurants findet man inzwischen modernisierte Versionen — Apfelstrudel mit Marzipanfüllung, mit Nüssen, mit Quark statt Äpfeln. Das ist legitim. Ich bin generell nicht gegen Experimente. Nur sollte man wissen, womit man anfängt, bevor man anfängt, es zu variieren.Die Frage, die bleibt


